Mittwoch, 22. Januar 2014

Alles Bio .... oder was?

"Reh´s New Generation", ein Cadmium-freies Kollodium


Leona, © Andreas Reh 2013, 18x24cm auf Glas
Fünfzehn Monate, so lange ist es nun schon her, seit ich mit der Kollodium-Nassplattenfotografie angefangen habe. Hinter mir liegt eine Zeit voller Experimente, Fehlschläge, Testreihen, Leiden und Freude!

Hat es sich gelohnt? Was habe ich erreicht? Wie geht es weiter? Zuerst einmal zu den Ergebnissen, es sind meine 3 Favoritenbilder, meiner Meinung nach die Besten, die ich bisher auf Glas vollbracht habe. Was man nicht sieht, ist der Aufwand dahinter, der betrieben werden musste, um zu diesen Silberbildern auf Glas zu gelangen. Als Kollodium-Nassplattenfotograf ist man immer auch ein kleiner Logistiker, Bastler und Chemiker...oder besser noch ein Alchemist. Es fängt mit der Fotoausrüstung an und hört mit den benötigten Chemikalien auf. Das letzte Jahr war in meinem Fall geprägt von der ständigen und nervigen Suche nach Lieferanten für die benötigten Dinge.


Lost in time, © Andreas Reh 2013
Kamera-Equipment aus den USA, Silbernitrat aus England, Kollodium aus Polen oder Glasplatten aus Tschechien. Genötigt durch deutsche Mondpreise oder deutsche Sicherheitsbestimmungen treibt es den gemeinen deutschen Kollodionisten zum Einkauf ins Ausland. Kurzum, es nervt einfach nur und es ist schwer, unter solchen Bedingungen gleichbleibende Arbeitsbedingungen und Qualität zu schaffen. Aber man muss sich arrangieren und ich für meinen Teil kann nun nach 15 Monaten endlich sagen, es ist alles Gut, die Lieferantenquellen sind erschlossen und gesichert und die Ergebnisse reproduzierbar und gut.
Perception, © Andreas Reh 2013

Neben diesen materiellen Dingen gibt es aber noch eine Sache die mir das Leben schwer machte, mein Gewissen. Die Arbeit mit der Nassplattenfotografie erfordert den Umgang mit mehr oder weniger giftigen Chemikalien. Da wir hier in Deutschland glücklicherweise ein Bewusstsein dafür entwickelt haben, was gut für uns und die Umwelt ist und was man besser bleiben lässt, macht man sich so seine Gedanken, wenn auf den benötigten Chemikalien in Flaschen und Dosen Warnzeichen kleben, die einen nahen qualvollen Tod prognostizieren oder tote Fische auf der Wasseroberfläche skizzieren. Von Natur aus bin ich ängstlich und umweltbewusst und ich möchte mit meiner Arbeit, der Kollodium- Nassplattenfotografie Niemandem Schaden zufügen...Punkt! Also habe ich mir von Anfang an auch zum Ziel gesetzt, den Prozess nach Umwelt und Gesundheitskriterien zu modernisieren und zu optimieren.

Zum einen gibt uns das perfekte deutsche Problem-Müll und Sonderabfall-Sammelsystem die Möglichkeit, alles Problematische einer geregelten Entsorgung zuzuführen. Besser noch ist es natürlich, problematische Abfälle erst gar nicht entstehen zu lassen. Aber was ist bei unserem Nassplatten-Prozess überhaupt problematisch?

Es gibt einige Chemikalien, die ich von vorne herein nicht verwenden wollte, weil sie einfach zu giftig sind und man ausserdem problemlos auf sie verzichten kann. Allen voran ist das der Fixierer Kaliumcyanid. Meiner Meinung nach gibt es absolut keine Rechtfertigung und keinen vernünftigen Grund, diese Supergift als Fixierer zu verwenden und damit das Leben von sich und Anderen zu gefährden und noch dazu die die Umwelt zu belasten! Ich habe auf Veranstaltungen Kinder gesehen, die aus Versehen ihre Hände in eine Pfütze aus Zyankalilösung gelegt haben, so etwas brauche ich nicht und es ist von den Betreffenden Kollegen einfach verantwortunglos, so eine kritische Situation überhaupt erst entstehen zu lassen. Befürworter argumentieren mit einem verbesserten Tonwerte/Kontrastverhältnis und einer schnellen rückstandsfreien Fixierung mit kurzer Wässerungszeit. Das mag ja alles richtig sein, aber um es noch einmal zu sagen: Der Bequemlichkeit und dem letzten Quäntchen Kontrast willen ein solches Risiko einzugehen ist schlicht und einfach unüberlegt und verantwortungslos! Natriumthiosulfat funktioniert als Fixierer zufriedenstellend und ist völlig unproblematisch!

Zum Zweiten wäre da das Cadmiumiodid, Krebserregend und sehr giftig T+, gerne genommen als Iodid-Bestandteil im Kollodium. Dafür gibt es Alternativen, Ammoniumiodid oder Kaliumiodid sind unproblematisch und funktionieren auch.

Nun kommen wir zu den Stoffen, die nur schwer zu ersetzen sind:

  1. Silbernitrat: Es ist gar nicht gut, wenn es ins Abwasser oder in die Umwelt gelangt. Aber es ist im Prozess als Schlüsselbestandteil unverzichtbar und zum Glück sehr lange Zeit wiederverwendbar. Beim Entwicklungsprozess wird immer etwas davon von der Platte geschwemmt und landet zusammen mit dem Entwickler in der Auffangschale. Diese wenige Milliliter „Abwasser“ pro Platte sammele ich als Sonderabfall zur Entsorgung, es gehört nicht ins Abwasser.
  2. Kollodium und Ether: Das Kollodium und vor allem dessen Bestandteil Diethylether ist extrem flüchtig, leicht brennbar und in der Lage explosionsfähige Mischungen und Peroxide zu bilden. Kollodium oder Ether ist nicht giftig, erfordert aber im Umgang einige Vorsichtsmassnahmen. Ether ist als Lösungsmittel im Prozess unverzichtbar, es gibt zwar Kollodiummischungen wie die „Poe Boy Mischung“, die ohne zusätzlichen Ether auskommen, aber mit dem Nachteil, das sie mechanisch sehr fragil sind. Da besonders die Lagerung von Ether kritisch ist, verzichten viele Wetplater darauf. Ich habe mich für die Verwendung von Ether entschieden, weil man die Lagerprobleme beherrschen kann. Ether, maximal 12 Monate dunkel und kühl in einer 50% Mischung mit Ethanol Luftdicht und explosionsgeschützt gelagert ist kein Sicherheitsrisiko. 
  3. Cadmiumbromid (CdBr2): Ist wie Cadmiumiodid erwiesenermaßen Krebserregend und sehr giftig (T+) und wird dauerhaft im Körper angereichert. Ich habe die letzten 5 Monate damit verbracht, Kollodiummischungen zu testen, die ohne Cadmiumbromid auskommen. Das Problem dabei: Die Cadmiumbestandteile wirken im Kollodium stabilisierend, verlangsamen signifikant die vorzeitige Alterung der Lösung und sorgen für gute mechanische Eigenschaften des Kollodiumfilmes. Auf der Suche nach Alternativen bin ich auf Zinkbromid (ZnBr2) und Lithiumbromid (LiBr) gestossen, beides Stoffe, die in Bezug auf Umweltverträglichkeit und Giftigkeit unproblematisch in der Beschaffung Verwendung sind. Ein Langzeit-Vergleichstest zeigte mir Stärken und Schwächen dieser Bromide. Zinkbromid ist leider aufgrund seines instabilen Verhaltens innerhalb einer Woche aus dem Testfeld gefallen. 

Mit freundlicher Unterstützung von Herrn Dr. Commerscheidt aus der Analytischen Chemie der Justus-Liebig-Universität und Frau Dipl. chem. A.Chebotarova habe ich nun nach langer Suche eine Cadmiumfreie alternative Kollodiummischung entwickelt, die allen meinen Anforderungen gerecht wird! Das Lithiumbromid ist der klare Sieger im Testfeld.

Ich habe bei meinen Tests eine Kollodium-Mischung entwickelt, die im Vergleich zu meinem herkömmlichen Cadmiumbromid-Kollodium um 40% lichtempfindlicher ist! 

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich die Ergebnisse für mich behalten soll, bin aber zu dem Schluss gekommen, dass ich mit meiner Mischung evtl. einen kleinen Beitrag dazu leiste, die Welt ein klein weniger Cadmiumfreier zu machen.

Die nachfolgenden Mischungsverhältnisse basieren auf der Mischung mit 6,7% Fluka-Kollodium, bei der Verwendung anderer Kollodiumsorten muss der Alkoholanteil entsprechend reduziert werden!

 “Reh´s New Generation” Collodion 


100ml Fluka Collodion 
65 ml Diethylether 

0.89g Lithiumbromide Anhydrous ~99% (LiBr) 
1.9g Ammoniumiodide (NH4I) 
120ml grain alcohol 190-proof (96,6% Trinkalkohol) 

1,25g Pottasiumiodide (KI , Kaliumiodid) 
3ml aqua dest. (dest. Wasser) 

(use at your own risk, no long-term experience for more than 3 months available)

International wetplater: For other sorts of collodion like USP or Merck, you need to change the ratio of alcohol / ether/ iodizer. Pavel Smialek made a great tool for recalculate the collodion formula for different sorts of collodion. This charge of Fluka collodion contains 6.7% nitrocellulose, 22,3 % of alcohol and 70% Ether. 

http://ambrotypy.blogspot.de/p/kalkulator.html


Das Kollodium reift innerhalb von 4 Tagen und benötigt etwa 14 Tage um vollständig zu klären, es kann aber problemlos und ohne Einschränkungen im trüben Zustand schon nach 4 Tagen verwendet werden. Die Mischung ist kühl gelagert mindestens 3 Monate haltbar. Die mechanischen Eigenschaften liegen zwischen der fragilen „Poe-Boy“ Mischung und dem stabilen Cadmiumhaltigen „Quinn´s Quick Clearing“ Kollodium. Die Haftung auf Glas ist gut, der Kollodiumfilm ist beim Lackieren mit Sandarak stabil. Der Farbton entspricht einem kühlen Beige. Der Tonwerteumfang unter Studiobedingungen mit Blitzlicht ist grossartig, weitere Tests im Freien stehen noch aus, jedoch erwarte ich auch hier hervorragende Ergebnisse.

Made with Reh´s New Generation collodion, © Andreas Reh 2013

Ein weiteres Beispiel für die Leistungsfähigkeit des Kollodiums: Feen mit nahezu weisser Haut auf schwarzem Stoff, der Kontrastumfang ist atemberaubend. Das Kollodium akkumuliert zudem derart viel Silber, das ich den Entwickler radikal verlangsamen musste und die Zeit im Silberbad auf 2.20 min verkürzte. 12 Sekunden Entwicklungszeit bei +13°C Raumtemperatur!

Heartbreakers, © Andreas Reh 2013

Fotograf Peter Kunz hat über das gleiche Thema recherchiert und zitiert auf seinem Blog einen Auszug aus Eders Handbuch der Fotografie (S. 215, Band 2, Halle, 1897)

"Der hohe Preis der Lithiumsalze und die verhältnismäßig geringe Haltbarkeit derselben ist die Veranlassung, dass dieselben nur in sehr geringem Maße verwendet werden."

Was die schlechte Halbarkeit von Lithiumbromid und Lithiumiodid abgeht, so ist vor allem Lithiumiodid betroffen. es ist stark hygroskopisch und zerfällt schnell zu Lithiumhydrat und Jod. Lithiumbromid ist haltbarer, aber auch sehr stark hygroskopisch. Ich empfehle deshalb die Lagerung dunkel in kleinen luftdichten Portionsdosen zusammen mit Silicagel in einem grösseren Behälter, denn ohne Feuchtigkeit gibt es keine Hydratbildung und das Problem besteht nicht mehr.

Fazit: Ich bin normalerweise sehr zurückhaltend mit Lobpreisungen, aber diese Kollodiummischung ist in meinen Augen nichts anderes als eine kleine Sensation! Es war der letzte fehlende Baustein zu einem umweltverträglichen und modernen Kollodium- Nassplattenverfahren. Ich mache nun meine Nassplattenbilder mit gutem Gewissen und hoffe, es machen mir möglichst viele „Wetplater“ nach!

Disclaimer: Die Benutzung des Kollodiumrezepte geschieht auf eigene Gefahr und Verantwortung. Es liegen bisher keine Langzeiterfahrungen über 3 Monate hinaus vor. Lithiumbromid wird schon seit den Anfängen des Kollodium-Nassplattenverfahrens verwendet. Negative Auswirkungen sind mir nicht bekannnt, können aber zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht ausgeschlossen werden! Der Autor haftet nicht für Schäden, die durch das Rezept entstanden sind.

Andreas Reh, Portfolio ND-Magazine

Montag, 20. Januar 2014

Eine Kollodium-Nassplattenkamera für wenig Geld?

Sie müssen nicht immer gross, teuer und schön sein, die Kameras zur Kollodium-Nassplattenfotografie! Neulich auf dem Flohmarkt sprach mich eine sehr gut erhaltene 9x12cm Plattenkamera aus den 1920ern an. 40 Euro sollte sie kosten, ein marktüblicher Durchschnitt für diese Sorte Kamera. Sie wurden seinerzeit vorwiegend in Dresden für verschiedene Formate (6x9cm, 9x12cm und 10x15cm) als Massenware von ICA, Welta, Voightländer und Anderen produziert, meist ausgestattet mit Anastigmat/ Tessar-Objektiven mit einer Lichtstärke um Blende 4.5 und einem Compur Zentralverschluss. Das von mir erstandene No-Name Exemplar ist mit einem (Julius) Laack Rathenau f 135mm/4.5 Pololyt Anastigmat Objektiv ausgestattet, der Verschluss geht von 1s bis 1/200stel Sekunde. Die Empfindlichkeit einer Kollodium Nassplatte entspricht ungefähr 0.5 ISO, ich werde also vorwiegend die langen Zeiten nutzen. An sonnigen Tagen ist bei Blende 4.5 eine halbe bis eine Sekunde Belichtungszeit ein guter Richtwert, um zu starten. Besser ist es, einen Belichtungsmesser zu nutzen, fantastisch geeignet für die Kollodiumfotografie ist der Gossen Lunasix F, auf seine Anzeige konnte ich mich bisher blind verlassen! 

Zurück zur Kamera, diese wurde damals natürlich nicht eigens für die Nassplattenfotografie konstruiert. Um sie für den Einsatz mit Nassplatte fit zu machen, sind zwei Anpassungen nötig: Wir brauchen eine passende Aufnahme für die Nassplatten und der Fokus der Kamera muss neu justiert werden.

 Die zur Kamera passenden Filmhalter sind zu flach für die Aufnahme von Glas oder Blechplatten. Die ebenfalls damals üblichen Filmmagazine kann man zwar entsprechend umbauen und lichtdicht abdichten, jedoch sind sie aus Eisen- oder Aluminiumblech und das führt in Verbindung mit unseren Silbernitratgetränkten Nassplatten zu massiver Korrosion und infolge dessen zu sehr unsauberen Bildern, weil die Oxidationsrückstände zwangsläufig die Nassplatten kontaminieren.

 Es ist deshalb viel einfacher, einen Radikalschnitt zu machen, indem man die Kamera mit einer Aufnahme für einen Standard-Filmhalter ausstattet, weil man diese wiederum sehr einfach zur Aufnahme von Glasplatten umrüsten kann.


Da meine Kamera nur einen geringen materiellen oder historischen Wert besitzt, ist ein Radikalumbau zu rechtfertigen. Gut ist es, wenn das Kameragehäuse, wie in meinem Fall, aus Holz ist. Dann fällt es leichter, Umbauten vorzunehmen. Ich hatte zudem das Glück, dass die Kamera exakt die gleiche Breite besitzt, wie ein Standard 4x5“ Filmhalter aus Kunststoff. Ich habe kurzerhand das Rückteil der Kamera einfach abgesägt, die Schnittstellen an der Kamerarückseite mit einem Edding wieder geschwärzt, einen Standard 4x5“ Filmhalter aufgelegt und mit 2x2cm Messing L-Winkel eine passende Aufnahme zum Einschieben des Halters angefertigt. Das geht natürlich auch viel einfacher mit den im Baumarkt erhältlichen schwarzen Eck-Kunststoffprofilen, ist dann aber weniger „edel“. Um den Einschub lichtdicht zu machen habe ich vor dem Anschrauben zwischen den Profilen und dem Kameragehäuse schwarzes Silikon aufgebracht und eine flache Nut zum Einkleben von schwarzem Samt als Lichtfalle an der Öffnung des Kassettenfaches an der Kamerarückseite eingearbeitet.

Nachdem das vollbracht war, konnte ich einen Filmhalter passend für die Aufnahme von Nassplatten umrüsten. In meinem Fall ergab der Umbau ein Plattenformat von 88x116mm...mehr ist aus einem Standard 4x5“ Filmhalter auch nicht herauszuholen. Geeignet für einen solchen Umbau sind Filmhalter mit Aluminium-Mittelblech wie z.B. die „Lisco Regal“ Halter oder die „Fidelity Elite“ Serie. Eine gute Anleitung zum Umbau eines Filmhalters zur Aufnahme von Kollodium-Nassplatten gibt hierzu der Artikel meines Kollegen Alex Timmermanns:

 http://collodion-art.blogspot.de/2010/10/normal-film-holder-for-wet-plate.html 

Nun passte der originale Mattscheibenhalter der Kamera natürlich nicht mehr in den modifizierten Filmhalter-Einschub. Kein Problem dachte ich mir, einfach eine Mattscheibe in einem weiteren umgebauten Standard 4x5“ Filmhalter befestigt und alles ist gut?!? Denkste, hier kommt eine kleine fiese Unbekannte ins Spiel mit der ich so nicht gerechnet hatte. Die sogenannte „chemische Fokusdifferenz“ machte mir hier das Leben schwer. WTF? Chemischer Fokus, was zum Teufel ist das, werden sich nun Einige fragen.


Zur Erklärung: Das Kollodium Nassplattenverfahren ist ein fotografisches Verfahren, bei dem der kurzwellige UV-Anteil des Lichtes belichtungswirksam ist (320-500nm), auf unserer Mattscheibe jedoch sehen wir nur den sichtbaren Anteil des Lichtes (440 bis 700nm). Wir sehen also einen anderen Wellenlängenbereich, als die zu belichtende Nassplatte. Die Linsen in den Objektiven haben jedoch leider die Eigenschaft, unterschiedliche Wellenlängen auch unterschiedlich stark zu brechen. Für die filmbasierende Fotografie spielte das kaum eine Rolle, der Film sieht das, was wir auch auf der Mattscheibe sehen, nur bei Infrarotfilmen kannte man schon immer das Problem. Benutzte man die normale Entfernungsskala für Infrarotfilme, dann wurden die Bilder unscharf, weil die langen IR-Wellenlängen im Glas des Objektives weniger stark gebrochen wurden und der reale Fokuspunkt zu weit hinter dem Film lag.

Bei unserem Kollodiumverfahren ist dass nun genau umgekehrt, der Fokuspunkt liegt deutlich vor der Filmebene, im Falle meines 135mm Laack-Objektives ganze 4 mm! Das ist für so eine kleine Kamera eine ganze Menge und hat mich wirklich überrascht! Aber es ist nichts Ungewöhnliches und auch kein Beinbruch. Die richtige Mattscheibenebene musste bei meiner Kamera also genau in Höhe der Auflage des Filmhalters angebracht werden. Gesagt, getan, ein kleiner Holzrahmen um die Mattscheibe drumherumgebaut und fertig war der Mattscheibenhalter zum Einschieben in die Kamera.

 Leider gibt es für die Anpassung der Mattscheibe an das Kollodiumverfahren keine Faustregel, da alle Objektive unterschiedlich starke Brechungsdifferenzen aufweisen. Man muss für jede Kamera durch Belichtungsversuche selber herausfinden, wo der entsprechende „echte“ Fokuspunkt für die Arbeit mit Kollodium-Nassplatten sitzt. Ich hatte dafür einen halben Tag herumexperimentiert und selbst nach erfolgter Anpassung musste ich feststellen, wenn ich mit der Mattscheibe auf Unendlich fokussiere ist das Bild wiederum unscharf. Es stellte aber kein schwerwiegendes Problem dar, die Kamera besitzt zusätzlich eine Entfernungsskala am Balgen und nach einigen Testaufnahmen hatte ich diese Skala versetzt und neu auf das Kollodiumverfahren geeicht. Für Portraitaufnahmen bei Offenblende im Nahbereich benutze ich nun die Mattscheibe zum Scharfstellen, für Landschaftsaufnahmen bei geschlossener Blende reicht die Entfernungsskala aus.


 Die Gesamtkosten der Kamera belaufen sich auf 55 Euro, der Zeitaufwand betrug ca. 10 Stunden inkl. der Testaufnahmen (etwas handwerkliches Geschick vorausgesetzt). Mit dem Umbau ist die kleine Kamera nun eine vollwertige und unkomplizierte Wetplate-Kamera, geradezu ideal für den mobilen Einsatz mit einer kleinen Dunkelkammerbox und tragbarer Minimalausrüstung „on Location“. Ich werde sie vorwiegend für Outdoor Portraits und Landschaftsaufnahmen nutzen.

Dienstag, 20. August 2013

Es ist so eine Sache mit der Hitze

Ende Juli 2013, statt im Schwimmbad einen auf lau zu machen, hatte ich kurzerhand beschlossen, ein Aktfotoshooting im heimischen Wald durchzuführen .... mit dem Kollodium Nassplattenverfahren, versteht sich. Was das bedeutet, mit 45kg Grossformat-Fotoausrüstung in den Wald zu ziehen, hatte ich Wochen vorher ja schon ausgetestet. Diesmal hatte ich das grosse Glück, dass ich mit dem Auto bis unmittelbar an die Location heranfahren konnte, was mir einen Haufen Schlepperei ersparte.

Um 12 Uhr mittags waren wir dann soweit, das Dunkelkammerzelt und die Kamera waren aufgebaut und das Model bereit. Leider hatte sich inzwischen auch bis in den Wald hinein herumgesprochen, dass für diesen Tag  35°C vorausgesagt waren. Für das nun splitternackt dastehende Model war das ja eine feine Sache, für mich als rastloser umherirrender Fotograf weniger gut, für den temperatursensiblen Kollodium-Nassplattenprozess schlichtweg katastrophal. Zumindest, wenn man, wie ich bis dato, alle guten Ratschläge zum Arbeiten bei warmen Temperaturen ignoriert und meint, es wird schon irgendwie klappen. Die Quittung folgte auf den Fuss, das erste Bild des Tages war eine bis zur Unkenntlichkeit vernebelte Glasplatte.

Zur Erklärung: Normalerweise sollte man dem Entwickler bei Temperaturen über 22 Grad einen sogenannten „Restrainer“ hinzugeben, Zucker tut da gute Dienste...oder etwas mehr Essigsäureanteil...oder notfalls einfach nur etwas mit dest. Wasser verdünnen.

Ich hatte natürlich keine Essigsäure und keinen Zucker mit in den Wald genommen, also blieb nur Wasserzugabe als Notmassnahme übrig. Gesagt, getan, auf der zweiten Platte war nun zumindest schon einmal das Model vage zu erkennen, von einem guten Ergebnis mit klaren schwarzen Schatten war ich weit entfernt. Um den Tag noch zu retten, entschloss ich mich zu einer drastischen Massnahme. Starke Überbelichtung bei gleichzeitiger starker Unterentwicklung, damit hätte der Entwickler weniger Zeit, das Bild zu vernebeln. Und es funktionierte tatsächlich...einigermaßen zumindest, zur Beseitigung des Restnebels musste Photoshop als Rezept herhalten. Zufrieden war ich mit dem Ergebnis nicht. Eine Kollodiumfotografie, die per Photoshop nachbearbeitet werden muss, damit sie meinen Ansprüchen genügt, ist in meinen Augen keine technisch gelungene Fotografie. Aber so konnten wir an diesem Tag wenigstens 3 halbwegs brauchbare Bilder mit nach Hause nehmen.


Da es auch die Wochen darauf noch brütend heiss war und ich meinen verbliebenen Resturlaub für die Kollodiumfotografie nutzen wollte, machte ich mich daran, das Thema „Fogging“ anzugehen. Borut Peterlin, weltbester Fotograf, http://www.borutpeterlin.com/ empfahl bei Temperaturen über 30°C, die Verweildauer der beschichteten Glasplatte im Silberbad auf 2 Minuten zu verkürzen, den Entwickler zu verdünnen und ihm etwas Salpetersäure hinzuzugeben. Mit Salpetersäure hatte ich zur Bildaufhellung schon ein Jahr vorher herumexperimentiert und dabei schlechte Erfahrungen mit aufkommendem Fogging gemacht. Mit dem wasserverdünnten Entwickler hatte ich bei unserem Waldshooting gearbeitet und war nicht 100% zufrieden mit dem Ergebnis. 

Ich versuchte nun, zusätzlich zum verkürzten Silberbad, noch etwas ganz Anderes: Eine Entwickler-Sommermischung mit reduziertem Eisen(II)sulfat Anteil. Ein Test bei 29°C brachte sofort das gewünschte Ergebnis, die Kontrollplatte mit Standardentwickler wurde total vernebelt, die Platte mit verkürzter Zeit im Silberbad und Entwicklung mit dem Sommerentwickler resultierte in einer sauberen Kollodium-Nassplatte mit klaren schwarzen Schatten. 

Nun stand dem geplanten "heissen" Mittsommershooting nichts mehr im Wege, das Ergebnis ist ein Bild, mit dem ich zu 100% zufrieden bin!


Standard-Entwickler:
400ml dest Wasser, 
23g Eisen(II)sulfat, 
23ml Essigsäure, 
22ml Alkohol

Sommer-Entwickler:
400ml dest Wasser, 
16g Eisen(II)sulfat, 
23 ml Essigsäure, 
22 ml Alkohol

Freitag, 24. Mai 2013

Go green.....!


So verrückt es im Zeitalter digitaler Kompaktkameras auch klingt, ich möchte mit der Kollodium-Nassplatten-Fotografie mehr Outdoor arbeiten, raus aus dem Studio und hinein in die Natur. Dass liegt nicht an der historischen Technik, das Verlangen, in der Natur vor Ort zu arbeiten habe ich in letzter Zeit genauso mit meiner Digitalkameraausrüstung. Ein Studio bietet zwar komfortable kontrollierte Bedingungen und wetterunabhängiges Arbeiten, aber die Bilder wirken schnell steril und unaufregend.

Es ist eine echte Herausforderung mit Sack und Pack loszuziehen und sich den Unbilden vor Ort zu stellen. man weiss ja nie, was einen erwartet und das Ergebnis wird von dem Unerwarteten beeinflusst. Das ist spannend! Anfang Mai war ich auf dem grossartigen (danke Alex Timmermanns!) 2. European Collodion Weekend (ECW) in Eindhofen/ NL und konnte vor Ort miterleben, welche Schwierigkeiten mit der Arbeit verbunden sind, die Kollodium-Glasbilder draussen zu erstellen. Die Aufnahmen müssen ja unmittelbar vor Ort unter Dunkelkammer-Bedingungen entwickelt, fixiert und gewässert werden. Im Klartext heisst dass: Man muss neben der Kameraausrüstung, in meinem Fall eine Korona Pictorial View 8"x10" Kamera mit Zeiss Tessar 30cm/4.5 und ein stabiles Stativ, auch noch die gesamte Chemie, mindestens 10 Liter Wasser einen Klapptisch und die komplette Dunkelkammer mitnehmen! Das ist ein Haufen Zeug und wiegt in meinem Fall ca. 45 kg.

Zum Transportieren habe ich mir einen schicken zusammenklappbaren Angelwagen mit 75kg Nutzlast angeschafft, längere Wege werden natürlich mit dem Auto zurückgelegt. Als Dunkelkammer vor Ort dient ein amerikanische Eisfischer-Zelt, Marke Eskimo Quickfish 3. Mit 2x2x2m ist es sehr geräumig und dank einer schwarzen Beschichtung innen, absolut lichtdicht. Die Fenster wurden durch rote Schweisserschutzfolie ersetzt, nach langem Suchen habe ich eine dafür geeignete absolut UV-dichte Folie gefunden, eine Kemper-Folie in Rot, die nun in dieser Ausführung leider nicht mehr erhältlich ist. (das Kollodium-Verfahren ist sensitiv für Licht im Ultravioletten Bereich).

Am 19.Mai 2013 war es dann soweit, das Wetter war sonnig und die Temperaturen mit 22 Grad perfekt für ein Outdoorshooting.
Das Auto vollgeladen mit Model und Ausrüstung und los ging es. Wir wollten zu einem nahen Waldstück auf einem Berg, eine recht schwierig zu erreichende Location, auch um zu testen, ob so etwas überhaupt mit soviel Ausrüstung machbar ist. Eines vorweg, mit 45kg auf einem Angelwagen durch unwegsames steiles Gelände, dass kann man getrost vergessen. 1.Lektion gelernt, wir mussten 2-mal fahren.

Vor Ort angekommen schlugen wir das Zelt auf, was dank ausgeklügelter pop-up Automatik völlig problemlos alleine in nur 3 Minuten erledigt war. Schnell noch die Sachen hergerichtet und die Kamera aufgebaut, auf die Szenerie ausgerichtet und schon war wieder eine Stunde vergangen.

In den Niederlanden auf dem ECW war es auch sonnig und viele Teilnehmer hatten Schwierigkeiten mit zuviel Licht. Wir waren nun im schattigen Wald und nun lag es mangels Belichtungsmesser an meiner noch nicht vorhandenen Erfahrung, die Belichtungszeit grob zu schätzen. Ich entschied mich für 3 Sekunden bei 30cm/Blende 4.5 .... falls das zuviel sein sollte, konnte ich mit der Entwicklung noch etwas gegensteuern oder nachhelfen. Aber dass ging komplett daneben, das Bild wurde viel zu dunkel, also hiess es die Belichtungszeit auf 6 Sekunden zu verdoppeln und es noch einmal zu versuchen.....und das Bild wurde wieder zu dunkel.

Die dritte Aufnahme, mit 9 Sekunden belichtet, wurde dann zufriedenstellend. Sehr interessant finde ich hier, wie dunkel das Blattgrün im Kollodium-Verfahren wird, an der gleichen Location hatte ich ein Jahr zuvor Infrarotbilder erstellt, im Gegensatz hierzu ist das Grün auf den damaligen Aufnahmen fast weiss. Wir belichteten drei weitere Glasplatten und nach insgesamt 4 Stunden kamen wir erschöpft aber zufrieden wieder zu Hause an.

Die Erkenntnisse des ersten Kollodium-Nassplatten-Ausfluges:

  • Alleine kann man so eine Expedition nur machen, wenn es über befestigte Wege geht, ansonsten nur mit Begleitperson
  • Es zeigte sich, das es im Zelt zu dunkel war.....nun.... ein Dunkelkammerzelt mit roten Fenstern im dunklen Wald aufgestellt, ist eigentlich logisch :-) Um vernünftig arbeiten zu können habe ich mittlerweile eine rote batteriebetriebene 1 Watt-LED-Dunkelkammer-Leuchte für das Zelt konstruiert. 
  • Der Wind ist der grösste Feind beim Aufgiessen des Kollodiums auf die Glasplatte, im Zelt geht das besser.
  • Von den Bäumen im Wald fällt allerhand Unrat nach unten, unsere Wässerungsschalen sahen nach 2 Stunden aus wie Kompostbehälter. 
  • Ein Belichtungsmesser muss her, der Gossen Lunasix F sollte ganz gut dafür geeignet sein.
  • Die Stativbefestigung der Kamera muss gegen Verdrehen gesichert werden.
  • Ein Müllbeutel für die ganzen verbrauchten Tücher muss mitgenommen werden, an den Abwasserbehälter hatte ich vorausschauend gedacht. 
  • Die Location muss mit Bedacht auf die besonderen Eigenheiten in der Darstellung von Kollodiumbildern gut gewählt werden, eine gute Infrarot-Location heisst nicht zwangsläufig, dass der Ort auch für Kollodiumbilder gut geeignet ist.
Alles in Allem hat sich die in monatelanger Kleinarbeit zusammengestellte Ausrüstung, wie erwartet, gut bewährt. Es sind nur Kleinigkeiten die zum perfekten Ausflug fehlten. Vor allem die selbstgebauten Transport und Aufbewahrungsbehälter für die Glasplatten vor Ort sind Gold wert, der ganze Aufwand wird ja nur betrieben, damit als Resultat gute Bilder dabei herauskommen. Die sollte man dann natürlich auch wohlbehalten und sicher bis nach Hause transportieren können. In den Behältern sind die, im nassen Zustand sehr empfindlichen Bilder, sicher gegen Staub und Verkratzten untergebracht.

Mittwoch, 22. Mai 2013

Einsichten in das Rotlichmilieu

Ich werde in letzter Zeit oft gefragt, ob man mir bei meiner Arbeit mit dem Kollodium-Nassplatten-Verfahren über die Schulter schauen kann. Nun...gefühlt befinde ich mich selber noch im Stadium des Anfängers, es ist gerade einmal ein paar Monate her, dass ich mein erstes Bild auf Glasplatte erstellt habe. Und da ich keine Workshops gebe und meine freie Zeit lieber damit verbringe, eigene Projekte voranzutreiben, muss ich dies meistens verneinen. Deshalb war ich umso froher, dass der Freund eines meiner Modelle während eines Fotoshootings dieses kleine Video in der Dunkelkammer beim Entwickeln des Kollodium-Nassplatten-Bildes drehte. Es ist ein Anfang, kein professionelles Video, hochkant und mit dem Handy gefilmt, dennoch zeigt es sehr schön den Entstehungsprozess eines solchen Bildes. Dass es auch noch eines meiner bisher besten Arbeiten im Entstehen zeigt, ist ein Glücksfall. Danke dafür!


Fachgesimpel: Insidern wird auffallen, dass der Fixierungsprozess zum Klären dieses Bildes, der  liebevoll genannte magischen Moment, hier ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Ich benutzte zum Fixieren ungiftiges Natrium-Thiosulfat anstatt mich auf das Spiel mit dem historisch korrekten Zyankali einzulassen. Thiosulfat ist aber ungleich langsamer in der Wirkung. Und es liegt hier auch an dem für das Bild benutzte dickflüssige Fluka-Kollodium. Je dicker das Kollodium, desto dicker die Schicht auf der Glasplatte, umso länger dauert der Klärungsprozess. Vergleichbare Bilder mit dünnflüssigem USP-Kollodium klären um den Faktor 3 schneller.

Freitag, 8. März 2013

Es werde Licht....


Nun war es also geschafft, Kollodium-Nassplattenfotografie zum Ersten. Das erste Bild war sprichwörtlich im Kasten bzw. auf der Glasplatte, und ich hatte mein zaghaft gestecktes Ziel, ein deutlich erkennbares Bild mit dem Verfahren zu erstellen, schon erreicht. Ich könnte nun wieder damit aufhören. Das es anders kommen wird, wusste ich aber schon vorher. 

Wenn ich einmal etwas anfange, bringe ich es auch zu Ende. Nun mussten echte Menschen als Modelle her, ich bin ja schliesslich in erster Linie Portraitfotograf. Mein Sohn war so frei, als erster Mensch vor meinem Holzkasten, der Century Studio 4a Kamera von 1923,  Platz zu nehmen. Als langjähriger Portraitfotograf weiss ich natürlich, wie man auch ein Kollodium-Nassplatten-Portrait korrekt ausleuchtet. Viel Licht, möglichst im UV-nahen Spektrum, ist von Nöten, das hatte ich vorher schon in Erfahrung gebracht. Dafür hatte ich ja auch die echten 1320 Watt Energiesparlampen zum Cluster gebündelt zusammengebastelt und aufgestellt. 

Und das Teil macht hell, verdammt hell, ein Nuklearblitz ist eine Funzel dagegen. Mein sehr kleines nur 3m breites Fotostudio erstrahlt im Licht und mein Sohn war rundherum so richtig schön ausgeleuchtet. Und dass, obwohl das Licht nur von einer Seite geführt wurde. 

Denkste! Was nach der ersten Probeaufnahme auf der entwickelten Glasplatte  erschien, war alles andere als hell. Tiefste Abgründe taten sich in den Schattenbereichen auf. Wo verdammt nochmal war das ganze Licht hin, welches ich in natura vor mir sah. Das hatte doch an der Plastikpuppe noch etwas ausgeglichener ausgesehen. Die menschliche Haut schluckt doch mehr UV-Licht, als das Plastik, soviel war klar. Ich bin zwar ein grosser Fan von definierten Schatten, aber das hatte ich so nicht erwartet. Normalerweise bekommt man unter Studiobedingungen annähernd das auf den Sensor der Digitalkamera, was auch zu sehen ist. In der Kollodium-Nassplattenfotografie sollte diese Regel plötzlich nicht mehr gelten? Das liess mir keine Ruhe.  Ich bin leidenschaftlicher Hobbywissenschaftler und nun gab es etwas zu erforschen.


Dazu muss man erst einmal wissen, dass Kollodium sehr Lichtunempfindlich ist, je nach Rezept stellt sich eine Empfindlichkeit von ca. 0.5 ISO ein. Nun kommt erschwerend hinzu, dass Kollodium (auch wieder von der Mischung abhängig) nur in bestimmten Spektralbereichen des Lichtes sensibel ist. 

Die höchste Empfindlichkeit liegt bei ca. 420 nm, das ist im blau-violetten Bereich des sichtbaren Lichtspektrums. Die Energiesparlampen mit einer Lichtfarbe 5500-6500 Kelvin strahlen genug Licht in diesem Bereich ab, Halogenlampen, selbst mit 2000  Watt und mehr, sind wegen des hohen Rotanteiles im Licht, völlig ungeeignet. Nun ist es im Raum zwar sehr hell, belichtungswirksam sind aber nur die genannten Strahlen um 420nm, und hier liegt nun der Hund begraben. Alles, was wir im Raum als Licht sehen ist von Wänden und Gegenständen reflektiertes Licht...und das...ihr ahnt es schon...enthält je nach Umgebungsfarbe nur noch einen sehr geringen Anteil Licht im Bereich von 420nm. Das ist der Grund, weshalb bei der Kollodium-Nassplattenfotografie die Schattenbereiche bei der Studio-Fotografie mit künstlichem Licht so gnadenlos absaufen.

Wieviel es ausmacht, wenn man die Hauptlichtquelle auch nur um 20° um das Model herum nach links hinten positioniert, könnt ihr am folgenden Beispiel gut sehen. Es ist bei jedem Fotoshooting eine Gradwanderung mit Licht und Schatten, in diesem Fall gibt der definierte Schatten dem Bild Charakter, es geht aber auch schnell nach hinten los und es ist für mich nach wie vor nur schwer vorhersehbar.

Fotostudios vor 150 Jahren waren sogenannte Skylight-Studios mit riesigen abschattbaren Glasflächen an der Decke, nicht zuletzt weil man damals noch keine Lampen hatte, die leistungsfähig genug waren, um damit Kollodium zu belichten. Dank der grossflächigen lichtdurchfluteten Räume sind diese Studios bis heute das Optimum für jeden Indoor-Kollodiumfotografen. Will man aber, wie ich, vom Tageslicht unabhängig sein, muss man notgedrungen aufrüsten. Ein Silberreflektor als Aufheller tut schon einmal gute Dienste, jedoch sind die Ergebnisse nach wie vor nur schwer vorhersehbar. Besser wäre eine zweite oder dritte Studioleuchte...oder vielleicht doch eine Blitzanlage, die leistungsfähig genug ist? Benötigt werden je nach Lichtformer für ein korrekt belichtetes und gleichmässig ausgeleuchtetes Portrait ca. 3500 Wattsekunden Leistung für das Hauptlicht und 2500 WS für die Streiflichter. Ist ne ganze Menge Holz, so etwas kennt man nur aus Grossstudios der Automobilfotografie. Ich hatte zur Jahreswende einen Hensel Tria 6000WS Generator mit entsprechendem Blitzkopf zum Testen im Studio...und ich habe Ozon gerochen und Blut geleckt, auch wenn ich etwas Angst habe, meine Modelle damit in Staub zu verwandeln...Gestalten der Nacht, nehmt euch in acht!

Dienstag, 5. Februar 2013

Fotografie, wie vor 160 Jahren

Ich fotografiere seit meiner Kindheit, mal mehr, mal weniger, die letzten 12 Jahre nur noch digital. Noch nie waren meine Bilder technisch so perfekt wie heute. Gleichzeitig mit der technischen Perfektion wuchs aber auch meine innere Unzufriedenheit über meine Bilder. Ich war es satt, stundenlang am Computer zu sitzen und hunderte von Bildern eines Fotoshootings zu sichten, Dutzende davon zu bearbeiten, um DAS vermeintlich beste Bild zu finden.....welches dann, bestenfalls einmal auf der Homepage oder Facebook gezeigt, vom Bildschirm des Computers in das Nirvana der Archiv-Festplatten verschwindet. Im Jahr 2011 fing ich an, mich mit der Cyanotypie, einem historischen Edeldruckverfahren zu beschäftigen. Nun erstellte ich wieder Bilder in Handarbeit, wie damals im Fotolabor unserer Schule in der 80zigern. Es war wieder schön, die Bilder in der Entwicklerschale entstehen zu sehen, das Ergebnis mit eigenen Handschrift beeinflussen zu können.

Ausstellung KI-Biebertal, März 2012
Eine erfolgreiche Ausstellung mit meinen Cyanotypien im März 2012 gab mir recht. Aber ist es nicht verrückt, Bilder in höchster Qualität mit 40 Megapixel Auflösung aufzunehmen, um sie dann auf Aquarellpapier auszubelichten? Und trotzdem beschäftige ich mich mit den Cyanotypien bis heute, weil es mir sehr viel Freude bereitet.

Im Frühjahr 2012 bin ich auf der Suche nach Inspiration im Internet  auf die Aufnahmen des amerikanischen Fotografen Mark Sink gestossen, welche mich sofort in ihren Bann gezogen haben. Mark fotografiert Menschen auf Glasplatten mit dem historischen Kollodium-Nassplatten Prozess. Seine Bilder sind anders, technisch unvollkommen, aber ehrlich und mit einer unvergleichlichen Anmutung aus einer längst vergangenen Zeit. Und sie haben etwas Besonderes, als würden sie etwas von der Seele der Portraitierten preisgeben, einen Blick hinter die Fassade erlauben.

Ich informierte mich etwas genauer über diesen archaisch anmutenden fotografischen Prozess Kollodium-Nassplatten-Fotografie, verwarf aber aufgrund des enormen Aufwandes die Idee, mich näher damit zu beschäftigen. Aber wie dass so geht, wenn man etwas Faszinierendes gesehen hat, es lässt einem nicht mehr los. Bei jedem Ausflug in das Internet kamen diese Kollodium-Bilder wieder hoch und in dem Moment, als ich Ian Ruthers "Silver and Light" Video gesehen hatte, liess es mich nicht mehr los. Ian hat seinen LKW zu einer Kamera umgebaut und macht Kollodium-Nassplatten bis zu einer Grösse von 180x160 cm. Die Grösse alleine ist sehr beeindruckend, viel mehr aber hat mich sein Statement und seine Bilder beeindruckt, "Das einzig existierende Limit ist jenes, welches Du Dir selbst setzt!"

Eines war mir klar: Ich wollte so, wie bisher, nicht mehr weiter Fotografieren. Also warum nicht einfach die Herausforderung annehmen und es versuchen. Wenn Ian Platten im Quadratmeter-Format bewältigte, würde ich wohl ein Glas-Scheibchen in Schulheftgrösse zustande bringen. Der Kollodium-Prozess erschien mir aber so kompliziert und schwierig zu bewältigen, dass ich mir nur ein bescheidenes Ziel setzte. Ich wollte nur ein einziges wirklich gelungenes Bild in Händen halten, mehr nicht.

Also machte ich mich an die Arbeit. Es galt, Lieferanten für die benötigten Rohmaterialien und Chemikalien zu finden, unsere Werkstatt musste zur Dunkelkammer umgerüstet werden und eine geeignete Kamera brauchte ich auch noch. Und ich fand auf dem Weg zur Kollodium-Nassplatten Fotografie meine alte Liebe zu schönen historischen Dingen wieder.

Wollensak Vitax 16", 1916
Century Studio 4a Kamera, 1923
Es war eine Welt voll glänzender Messingbeschläge und Objektive, wundervoll gearbeitetes Mahagoni und Kirschbaumholz, ich fühlte mich wie ein Kind im Museum, aber hier durfte ich die Dinge nun auch anfassen und besitzen. Es gab so viel Schönes und ich musste Entscheidungen treffen, zum Beispiel mit welchem Aufnahmeformat ich arbeiten möchte. Aufgrund verschiedener Erfahrungsberichte aus dem Internet entschied ich mich für die Grösse 18x24 cm bzw. für das amerikanische 8"x10" Format, welches sich rückblickend betrachtet als eine sehr gute Entscheidung erwies.


Century Studio Stand Replika, 2012

Energiesparlampen-Cluster 1320W
Ich kaufte eine alte Holzkamera in Chicago und ein wundervolles historisches Objektiv in Los Angles, baute ein Studiostativ nach historischen Verbild, rüstete meine Werkstatt mit einem Lüftungssystem, Rotlicht und Verdunkelung aus, besorgte Fotoschalen und Chemikalien und baute eine Fotoleuchte aus Hochleistungs-Energiesparlampen.
Dunkelkammerausstattung
Dies alles benötigte viel Zeit, mittlerweile war es September 2012, aber nun konnte es endlich losgehen mit dem Abenteuer Kollodium-Nassplatten Fotografie.
Ich hatte alles in mich aufgesogen, was es an Literatur zu finden gab und fühlte mich schon als Experte, bevor ich überhaupt die erste Platte belichtet hatte. Gleichzeitig hatte ich aber soviel Respekt vor dem Prozess, das ich es wochenlang vor mir herschob, den ersten Schritt in die praktische Ausübung zu tun.

Aber der Tag kam in der dritten Septemberwoche, nun war es soweit, es gab kein Zurück mehr. Mit klopfendem Herzen mischte ich die für den fotografischen Prozess bennötigten Chemikalien an und bereitete als Motiv meine Schaufensterpuppe im Fotostudio vor. Ich hatte im amerikanischen Collodion-Forum inzwischen einige Fotografen gesehen, die am Verfahren schier verzweifelten. Also sagte ich mir, es wäre ja schon ein Erfolg, wenn auf der belichteten Platte überhaupt etwas zu sehen wäre. Aber es kam, wie es kommen musste, mangels Erfahrung und Richtwerten in Sachen Belichtungszeiten und Entwicklung, war auf der ersten Platte....nichts.....überhaupt nichts ausser Wolken zu sehen. Da ich eine Schaufensterpuppe im Studio als Motiv gewählt hatte, war das nicht gut. Also noch einmal.... länger belichten, länger entwickeln....na, es geht doch, ein Bild erschien auf der Glasplatte und es war gar nicht mal so schlecht. Es war viel besser, als ich bei 90% aller Erstversuche im Internet gesehen hatte. Ich war so stolz auf dieses Bild und auf das, was ich da alleine auf die Beine gestellt habe! Egal was nun passieren würde, ich hatte meinen ersten Erfolg verbucht.

Kollodium-Nassplatte auf Klarglass 0.3x18,5x23,5cm


Infos zur Kollodium-Nassplatten-Fotografie: http://de.wikipedia.org/wiki/Kollodium-Nassplatte
Ian Ruther, Silver and Light: http://vimeo.com/39578584
Andreas Reh Cyanotypien: edeldruck.blogspot.com
Andreas Reh, Homepage: www.andreasreh.de